|
| Unser
Ursprung |
 |
|
DIE
GEBETSHALTUNGEN DES HEILIGEN DOMINIKUS
Meditationen von P. Vladimir · J. Koudelka
|
 |
Aus
eigener Erfahrung wissen wir: es gibt nichts Geistiges, was nicht
auch unseren Leib angeht, und wir sind zu keiner geistigen Regung
bereit, ohne dass unser Leib daran beteiligt ist.
Heute,
da der Dualismus zwischen Leib und Seele bewusster wird, der
in den letzten Jahrhunderten große Schäden angerichtet
hat, entdeckt man wieder die leib-seelische Einheit, die Ganzheit,
angefangen bei der Medizin und der Ernährung. In der Theologie
versucht man heute nicht nur Gott den Erlöser, sondern
auch Gott den Schöpfer mehr zu beachten. Die Vernachlässigung
des Schöpfers in der Theologie führte nämlich
auch zur Nichtbeachtung der Schöpfung, zur heutigen Umweltmisere
und zur falschen Einstellung zum Leib, auch im Gebet. Man betete
zuviel mit dem Verstand, deshalb war das Gebet in der Persönlichkeit
nicht verwurzelt. Es war "verkopft".
Im
Gebet versucht man heute diesen Dualismus zwischen Leib und
Seele mit Hilfe von östlichen Meditationsmethoden zu überwinden.
Dass aber auch der Westen eine Gebetstradition hatte, in der
der Mensch "ganzheitlich" betete, zeigt uns der Text,
der vor 1280 entstanden ist, und die Überschrift trägt:
"Wie der selige Dominikus leiblich betete".
Der
Text wurde schon im Mittelalter mehrmals mit Bildern versehen.
Der Inhalt und die Bilder stellen Dominikus in verschiedenen
Körperhaltungen beim Gebet dar. Für ihn war das Gebet
der verleiblichte Glaube. Auf diese Weise gelangte er mit Leib
und Seele zu seinem Ursprung und Ziel, er kommunizierte mit
dem Absoluten.
Nach
seinem Vorbild pflegten die ersten Generationen seiner Brüder
und Schwestern - meist in der Nacht - die "stillen Gebete"
(orationes secretae), bis diese Gebetsweisen dann in der zweiten
Hälfte des 14. Jahrhunderts verschwanden.
Wenn unser Gebet wieder Ausdruck des Glaubens, unserer Hingabe
an Gott und seiner Verehrung sein soll, muss es auch unsere
leibliche Dimension ergreifen.
Der
mittelalterliche Text (Dominikus. Gotteserfahrung und Weg in die
Welt", Vladimir Koudelka (Hrsg.), Olten 1983,109-125) hat
mich während meiner Krankheit zu vorliegenden Meditationen
inspiriert.
1.
Gebetsgebärde
Tiefe
Verneigung
 |
 |
Dominikus
ist von Gott zutiefst ergriffen. In verschiedenen körperlichen
Begrüßungsformen drückt er die Haltung des
Geschöpfes dem Schöpfer gegenüber aus und
anerkennt seine Abhängigkeit von ihm.
Wenn er sich tief verbeugt und anbetet, staunt er über
die Liebe Gottes und erfährt ihre Unendlichkeit.Unter
dem Antrieb dieser Liebe lässt er sich los, um sich
ganz auf Gott einzulassen. |
Somit
entdeckt er den innigen, vertrauten Kontakt mit Gott, seinem Schöpfer,
im tiefsten Sein und wird ganz durchlässig für das Göttliche
und ganz verfügbar für Gottes Heilspläne.
Ich stehe aufrecht und entspannt und verbeuge mich langsam und
tief, so dass ich die Bewegung in meiner Wirbelsäule wahrnehmen
kann.
Beim Wiederholen dieser Verbeugungen hole ich mich aus aller Zerstreutheit
heraus und wecke die Sehnsucht nach der Nähe Gottes, in die
ich mich fallen lasse, damit Gott mich auffangen kann. Ich vergesse
mich mit meiner Fremdheit und Ungeduld, und bete Gott an, wie
er sich zeigt. Meine Hände und mein Herz werden frei von
selbstgemachten Götzenbildern.
Ich beuge mich vor der Majestät Gottes und ich neige mich
vor den geringsten und unscheinbarsten Brüdern und Schwestern,
in denen ich Gott konkret lieben kann.
Ich neige mich, wie Christus sich zu den Füssen der Jünger
neigte und ihnen die Füße wusch. Ich beuge mich wie
der mitleidende Dominikus über die menschliche Schwäche,
Armut und Sünde, indem ich vergebe und mich versöhne.
Diesen Dienst kann ich vollbringen mit Jesus, der meine Last und
Schuld auf sich nahm. Dann verehre und verherrliche ich die Heiligkeit
Gottes und seine Kraft, die in der Schwachheit mächtig wird.
zurück
2.
Gebetsgebärde
Ausgestreckt
auf der Erde
 |
 |
Dominikus
liegt ausgestreckt auf der Erde (prostratio), weil er aus
Erde geformt ist und zur Erde gehört.
Er weiß, er ist Staub, aber von Gott vorbehaltlos
geliebt, damit der Staub Gott loben kann. Er gibt sich Gott
preis, ohne einen Zweck zu suchen. Das macht ihn gelehrig
und fügsam für den Hl. Geist. Dieser führt
ihn zur Wahrheit, weil Dominikus demütig ist. |
Deshalb
kann er realistisch, illusionslos und hingabefähig sein.
Er setzt das Maß nicht in sich selbst, sondern in den Absoluten,
dem er sich in seiner Schwachheit ganz anvertraut. Im Vertrauen
auf den Absoluten ruft er laut, weint und bittet für seine
Brüder, die kranke Kirche und die unheile Welt.
Ich
liege ausgestreckt auf dem Fußboden und versuche, nichts
zu wünschen und nichts zu bitten. Ich erkenne meine Ohnmacht
und meine Verwundbarkeit, aber auch die unendliche und schweigende
Gegenwart Gottes, dem ich mich übereigne.
Oder ich versuche - im Sinne des alten liturgischen Clamors
(des lauten Rufens) - mir die konkrete Not der Kirche, der Welt,
der geschundenen Umwelt, der Mitmenschen und auch die meine
vor Augen zu stellen und diese Not herauszuschreien. Ich bringe
alle Dinge, die Mitmenschen und Ereignisse und mich selbst in
grenzenlosem Vertrauen in Beziehung zu Gott, ohne eigene Lösungen
zu wünschen. Mein Blick ist nicht auf die erbetene Gabe,
sondern auf das Gebet gerichtet, sodass ich in die Pläne
Gottes hineintreten kann.
Im
fürbittenden Gebet aus dem Vertrauen auf Gott zeige ich meine
Solidarität mit den Nöten der Welt und der Kirche. Ich
tue das nach aus dem Vorbild des menschgewordenen Sohn Gottes,
indem sich Gott solidarisch mit diesen Nöten und mit mir
gezeigt und sich jedem Menschen zugewandt hat. Die Anliegen Gottes
und seine Heilspläne sind auch die meinen. Ich wünsche
und erwarte, was Gott wünscht und erwartet. Das verwandelt
mich in meinem Innern, und mein Gebet wird eine Frucht des HI.
Geistes sein. Durch das Gebet bin ich von meiner Verantwortung
für eine heilere Welt und eine gesündere Kirche nicht
entbunden. Erst wenn ich mich konkret für die Nöte meiner
Um- und Mitwelt engagiere, werde ich - wie Dominikus - Mitarbeiter
Gottes.
zurück
3.
Gebetsgebärde
Erleiden
 |
 |
Die
Geißelung ist eine seltsame und für uns fremde,
unverständliche Gebetshaltung. In dieser Geste zeigt
sich Dominikus solidarisch mit dem leidenden Gottessohn.
Er versucht ,wie Paulus, "das Todesleiden Jesu an seinem
Leib zu tragen, damit auch das Leben Jesu an seinem Leib
sichtbar wird" (2 Kor 4,10).
Er versteht das Gebet als eine Opfergabe an Gott,
|
durch welche er auch Anteil hat am Ausleiden der Sünde, als
Teilhabe am Heilsweg Christi, "der gesandt wurde zur Sühne
für die Sünde, um an seinem Fleisch die Sünde zu
verurteilen" (Röm 8,3).
Durch
diese Geste nähert sich Dominikus Gott und fühlt sich
für die seelischen Leiden seiner Brüder und Schwestern
verantwortlich. Er versucht, die göttliche Mitmenschlichkeit
und Barmherzigkeit nachzuahmen
Ich spüre, wie Zwänge und Fremdbestimmung mich gefesselt
halten, wie gewisse Haben- und Luststrukturen mich unfrei machen.
Sie hindern mich an der Nachfolge Jesu und der Teilhabe an seinem
Leben.
Ich bitte Jesus um Befreiung und versuche mich selber zu lassen,
indem ich das Schwere in meinem Leben ertrage, oder etwas Unangenehmes
mutig auf mich nehme - ohne Zwang. Geißelung kann heute
für mich bedeuten, bewusst auf Dinge, auf Angenehmes zu verzichten.
Ich kann verzichten, eine kalte Dusche nehmen, fasten, meinen
Körper trainieren. Dabei ist meine Absicht nicht: Verzicht
um des Verzichtes willen, Training um des Trainings willen, sondern
größere Harmonie und Reife, im Grunde eine größere
Liebe und eine größere Christusförmigkeit. Dann
kann ich Nein sagen zu allem Vorläufigen, Widersprüchlichen
und Ungelösten in mir. Dann lebe ich die Schicksalsgemeinschaft
mit Christus liebend und vertrauend. Ich bete.
Beim letzten Abendmahl spricht Jesus: "Das ist mein Leib,
der für euch hingegeben wird" ...und "dieser Kelch
ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen
wird" (Lk 22,19-20).
Jesus ist der Immanuel - Gott mit uns -und ein Mensch für
die Mitmenschen. Ich möchte, wie Jesus, ein Mensch für
die anderen sein. Die Stricke der Geißelung zeichneten den
Leib Jesu, sein Herz war aber von Schmerzen und Ängsten der
Menschen verwundet. Ich möchte wie er freiwillig den Schmerz
der Menschen teilen und meinen eigenen Teil daran haben. "Ich
kann Gott in meinem Leib verherrlichen" (1 Kor 6,20). Dann
bete ich, nicht nur mit den Lippen, sondern mit meinem ganzen
Leib.
zurück
4.
Gebetsgebärde
Stehen
vor Gott
 |
 |
Dominikus
steht vor Gott und unterbricht das Stehen durch Kniebeugungen.
Er steht mit Ehrfurcht vor Gott, bereit, zu horchen, bereit
zum Aufbruch. Er hat festen Boden unter den Füssen
und wird getragen. Das schenkt ihm Vertrauen und neue Impulse
zu neuen Aufbrüchen. |
In
den Kniebeugungen geht er in die innere Bewegung der Hingabe hinein,
das Horchen wandelt sich zum Gehorchen. Dominikus Blick ist fest
auf den Gekreuzigten gerichtet. Von dort erhält er Trost
und Gelassenheit. In der Kontemplation kann Dominikus dann nur
mit einem Blick auf das Wesentliche hinweisen, er braucht nicht
viele Worte zu machen.
Ich
stelle mich aufrecht und entspannt vor das Kreuz und spüre
den festen Boden unter den Füssen. Er ist tragfähig.
Mein Blick ist auf den Gekreuzigten gerichtet. Ich weiß,
ich werde mit Liebe von Gott angeschaut, er sieht mich in zeitloser
Ewigkeit; ich sehe mich mit meinen begrenzten Wünschen und
Bedürfnissen nur in der Gegenwart.
Der Blick Gottes ist schöpferisch, er macht mich neu und
offenbart mir Möglichkeiten, die in mir verborgen sind. Er
macht mich hellsichtig und lässt mich staunen über das
Gute, das Gott tut und im Menschen verborgen ist.
Ich werde davon bestimmt, was ich mit Liebe wahrnehme und mit
Liebe anschaue. Damit ich mich von Irrlichtern nicht blenden lasse
und kein Zwielicht liebe, möchte ich meinen Blick freihalten
von Egoismus und Gleichgültigkeit, von Vorurteilen, Verdächtigungen
und Misstrauen. Ich möchte ihn öffnen für Herzlichkeit,
Güte, Sympathie und Diskretion. Ich möchte meinen Blick
dem reinigenden Licht Gottes aussetzen, damit er meine Härte
entwaffne und ihn durch die Fähigkeit des Sich- Wunderns
verjünge. Dann werde ich - wie Dominikus - am Schmerz der
anderen nicht vorbeisehen oder Menschen, Situationen und Elend
nicht übersehen.
zurück
5.
Gebetsgebärde
Hand
in Hand mit Gott
 |
 |
Dominikus
betet nicht nur mit dem ganzen Leib, sondern oft auch nur
mit den Händen. Seine Hände sind Spiegel seiner
Seele, Werkzeug seines Geistes und Freundinnen seines Wortes.
Er öffnet seine Hände, verzichtet auf sein Tun
und übergibt sich ganz dem Absoluten |
Tun
und übergibt sich ganz dem Absoluten. Er lebt das Leben
als Gabe, deshalb kann er sich weggeben und sich nehmen lassen,
er kann seine gefalteten Hände in die Hände Gottes
legen und dadurch seine Abhängigkeit von ihm bekunden.
Er faltet die Hände und dankt.
Gott kann durch seine Hände wirken, Schwache stützen,
Brot teilen, heilen und segnen.
Ich
stehe oder sitze entspannt, erhebe langsam meine Hände, bis
sie vor mir ausgestreckt sind. Meine Hände sind durchseelt,
sie führen nur das aus, was in meinen Gedanken schon vorhanden
ist. Ich balle die Hände zu Fäusten und nehme die Spannung
wahr, die in mir entsteht. Ich lasse die Hände los und öffne
sie wie eine Schale. Damit lasse ich jede Verschlossenheit, Bitterkeit,
jedes Misstrauen los.
Ich bin frei und leer, meine Hände sind zum Empfangen bereit,
damit Gott sie füllen kann mit seiner Vergebung und Liebe,
mit dem Leib seines Sohnes. Ich empfange in der Gemeinschaft und
für die Gemeinschaft.
Meine Hände sind mehr als nur ein Körperteil. Sie bringen
nahe und machen erfahrbar, was fern und fremd erschien. Sie dürfen
aber nicht gierig festhalten wollen, bedrohen und zerstören.
Sie sollen offen sein. Dann verleiht ihnen der Geist die Gestalt,
bewegt sie und haucht ihnen eine immer neue Form ein, dass sie
Liebe und Güte in die Welt bringen, sie heiligen und vom
Empfangenen austeilen. Mit gefalteten Händen kann ich mich
ruhig fallen lassen, ich werde von der großen Hand Gottes
aufgefangen.
zurück
6.
Gebetsgebärde
Die
Welt umarmen (Orante)
 |
 |
Mit
ausgespannten Armen betet Dominikus vor dem Kreuz. Im Kreuz
betrachtet er die Auswirkung der Liebe Gottes zu ihm und
zieht Konsequenzen daraus für sein Leben. Er steht
da: offen, schutzlos und bedürftig, bereit, wie Christus
am Kreuz, Liebe zu schenken, um Liebe zu wecken.
Aus
der Verbundenheit mit dem Gekreuzigten entsteht |
bei ihm die Sehnsucht, die Arme des Kreuzes verlängern zu
helfen, damit sie die ganze Welt umarmen und heilen können.
Unter dem Kreuz beginnt die umfassende Kommunikation zwischen
Gott und ihm, die Dominikus zur Brücke macht, auf welcher
Begegnungen mit andern stattfinden.
Ich
stehe und lasse meine Arme seitlich hochkommen und nehme bewusst
wahr , dass meine leibliche Gestalt in der Grundform des Kreuzes
angelegt ist. Im Kreuz überschneiden sich die Gegensätze;
Oben und Unten werden verbunden, die seitlichen Erstreckungen
treten in Verbindung. Das Getrennte wird vereint. Es gibt einen
Mittelpunkt, wo sich die Gegensätze versöhnen, wo
das Zerrissene wieder zusammengefügt wird: mein Herz.
Die leibliche Kreuzesform, die ich selber bin, zeigt auch die
geistige Dimension an. Ich darf in meinem Leben die Grundordnung
nicht stören, weder die Horizontale verkürzen noch
die Vertikale verflachen, sonst zimmere ich mir mein eigenes
Kreuz zurecht, das dem Kreuz Christi nicht entspricht und das
Baugesetz seiner leiblichen und seelischen Grundgestalt stört.
Im
Schatten des Kreuzes können meine Grenzen zu ungeahnten Möglichkeiten
werden. Gott stellt sich immer an die Seite des Schwachen und
Armen, auch an die Seite meiner Arm-Seligkeit. Auch in ihnen ist
die Liebe Gottes immer gegenwärtig. Bevor mein Kreuz mein
Kreuz wird, ist es das Kreuz Christi, das mich trägt - er
trägt es mit mir.
Die Liebe Christi umfasst mein Leid, meine Nichtigkeit, meine
Abgründigkeit, sie bejaht mich. Im Blick auf das Kreuz Jesu
liegt die eigentümliche Kraft der Befreiung und Sinnerfüllung,
die es mir ermöglichen, alle Situationen glaubend, hoffend
und liebend bestehen zu können, ohne mein Kreuz den anderen
auf die Schultern legen zu müssen.
zurück
7.
Gebetsgebärde
Ausgestreckt
in den Himmel
 |
 |
Dominikus
reckt sich in seiner ganzen Größe zum Himmel.
Seine Hände sind über seinem Kopf hochgestreckt,
fest zusammengehalten oder leicht geöffnet, so als
wollte er etwas vom Himmel in Empfang nehmen.
Sein Gebet zieht ihn zu Gott hinauf, er versucht nicht,
Gott zu sich herabzuziehen |
Er
streckt sich nach der Gabe Gottes aus, nach dem Angebot seines
Reiches. Dieses steht unendlich über seinem Tun, ist aber
in ihm gegenwärtig und gibt seinem Tun seinen Sinn. Er weiß,
es besteht nicht im Erfolg oder Misserfolg, es blüht in der
Liebe. Deshalb betet er, Gott möge ihm eine echte Liebe geben,
damit er für das Heil der Menschen wirken könne.
Wie
Dominikus recke ich meine Arme über dem Kopf zum Himmel hin
und blicke in die gleiche Richtung. Ich spüre meine Verwurzelung
in Zeit und Raum. Beim Gebet wird es mir bewusst: Ich strecke
mich nach dem Zukünftigen und Kommenden aus, ohne den Boden
der Gegenwärtigkeit und Wirklichkeit zu verlassen. Denn hier,
in der gegebenen Situation ist meine Aufgabe, in der sich meine
Zukunft gestaltet und die Herrschaft Gottes gegenwärtig ist.
Ich überlasse als Mitarbeiter in Gottes Reich die Vollendung
meiner Mühe Gott. Das erhält mich frei und gelassen
und bewahrt mich vor übertriebener Geschäftigkeit, vor
Resignation oder Flucht in die Welt der Illusionen. Ich
stehe im Dienst des Reiches Gottes, deshalb baue ich nicht mein
Reich auf, ich verhalte mich nicht wie ein Bauherr dieses Reiches.
Die Gabe Gottes, sein Reich, ist dort, wo eine Träne getrocknet,
wo ein Streit geschlichtet wird, wo eine unzumutbare Struktur
geändert und eine zumutbare gefunden wird, wo Vertrauen stärker
wird als Verzweiflung.
Die Liebe enthebt mich keiner menschlichen Aufgabe. Ich stehe
unter Gottes Macht, mein Handeln untersteht einer Macht, die durch
Gerechtigkeit, Treue und Liebe bestimmt wird, deren letzter Wille
Heilswille, deren Wirken Heilswirken ist.
zurück
8.
Gebetsgebärde
Sitzen
vor GOTT und schweigen
 |
 |
Dominikus
sitzt vor Gott und schweigt. Gott hört sein Schweigen,
sein Lächeln und seine Tränen. Im Schweigen hört
Dominikus das Wort Gottes, und sein Schweigen nährt
dann sein Wort. Schweigen und Wort sind bei ihm Geschwister,
die einander ihre Last tragen.
Dominikus hört und schweigt, damit sein Wort zart werde
und heilen könne. |
Im
Hören und Schweigen kommt er zum Licht, um dieses Licht in
der Dunkelheit der menschlichen Wege zu entzünden. Im Schweigen
erträgt er das Schweigen Gottes und lernt das Schweigen der
Liebe, die sein Schweigen und sein Wort trägt.
Ich sitze auf einem festen Stuhl mit hoher Lehne und lasse mich
mit dem Rumpf ins Becken wie in eine Schale nieder. Die Hände
liegen auf den Oberschenkeln. Ich bin ganz entspannt und locker.
Ich schweige, um still zu werden und den Lärm in mir zum
Schweigen zu bringen. Alle Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen
von der Welt lasse ich vorbeiziehen, halte sie nicht fest.
Ich muss nicht einmal mit Gott oder zu Gott sprechen. Er wird
in meinem Schweigen gegenwärtig sein, und seine Anwesenheit
wird mich ganz umhüllen, damit ich später - wie Dominikus
- von seiner liebenden Gegenwart in den Mitmenschen und in der
Schöpfung zu anderen sprechen kann.
Das
Wort Gottes ist schon längst an mich ergangen in seinem Sohn
Jesus Christus. In ihm hat er mir schon alles gesagt: Dass ich
von Gott geliebt werde und deshalb lieben soll. In Stille und
Schweigen kann ich mich dem liebenden Wort Gottes nahen, ihm begegnen,
mich von ihm verwandeln lassen, auch wenn er mir nicht das sagt,
was ich gern hören möchte. Im Schweigen höre ich
nicht mich selbst, sondern den leise sprechenden Gott, ich lerne
das Wort Gottes und das menschliche Wort zu unterscheiden, damit
mein Wort den Nächsten in die göttliche Welt führen
kann.
zurück
9.
Gebetsgebärde
In
Be-Weg-ung
 |
 |
Nach
dem Verlassen des Chorherren-stiftes zu Osma ist Dominikus
ständig unterwegs. Seine unzähligen Reisen sind
Bewegungen durch Raum und Zeit, ein Zeichen, dass er nicht
festgemacht und festgefahren ist, dass er auf dem Weg Jesu
Christi ist.
Wie der Weg Jesu so ist der Weg des Dominikus mit Verzicht
und Loslassen verbunden. |
Sein
Glaube und seine Leidenschaft für das Heil der Menschen führen
ihn auf den Weg, der Christus ist.Unterwegs erlebt er die Gemeinschaft
der Brüder, trennt sich aber wieder von ihnen, um im Gebet
größere Intimität mit Gott zu erfahren. So kann
er seinen Mitmenschen Auskunft über den richtigen Weg geben,
ihnen Richtung weisen und mit ihnen noch intensiver verbunden
werden.
Ich
stehe und konzentriere mich auf die Fußsohlen. Dann gehe
ich langsam, wie in Zeitlupe, und versuche, die Bewegungen der
Fußsohlen und die Berührungen mit dem Boden wahrzunehmen.
Dies darf keine zielstrebige Leistung sein. Mein Kopf wird von
ungeordneten Gedanken entlastet. Ich bitte Gott, er möge
mich sein Vorübergehen erkennen lassen und mich auf den
Weg der Hingabe führen. Ich öffne mich dem Kommenden
und strecke mich nach ihm aus. Im Vertrauen auf Gottes Führung
wage ich mich in das Ungewisse und Unbekannte hinein - in der
Hoffnung auf die Erfüllung seiner Verheißungen.
Herr,
du hast mich auf die große Reise geschickt, die Lebensreise.
Bleibe mir zur Seite. Lass mich deinen Weg gehen, Bote und Diener
deiner Liebe zu sein. Gib mir die Kraft, meinen bequemen Wohnbereich
verlassen zu können, dem Unbequemen nicht aus dem Weg zu
gehen. Mache mich zum gastlichen Menschen, bei dem Menschen
unterwegs einkehren können, wo sie Auskunft für ihren
Weg erhalten und Weisung in die Richtung auf ihr Ziel.
Darum bitte ich durch Jesus Christus. Er ist der Weg des Vaters
zu mir und mein Weg zum Vater.
zurück
|